Wo sich Diplomaten und Bierbikes treffen

In jeder Metropole gibt es eine Kreuzung, welche die Stadt auf den Punkt bringt.

Menschen und Maschinen, das Raunen und Rauschen, Bewegung und Stillstand. Wer an dieser Kreuzung einen Tag verbringt, versteht die Stadt – und wie sie sich verändert.

Im Zentrum des Zentrums von Berlin, auf der Fußgängerinsel zwischen dem Hotel Adlon und der Vertretung der Europäischen Union, steht ein kleiner Kiosk, und in diesem Häuschen, das aussieht wie eine platt gedrückte Litfaßsäule, steht Aline Lindner, 22 Jahre alt, und fühlt sich gleichzeitig zu Hause und seltsam fremd. Hier, wo rechts der Pariser Platz beginnt und sich links die Straßen Unter den Linden und Wilhelmstraße treffen, wo der Verkehr fließt und hält und hält und fließt, ist sie groß geworden. 

Als sie geboren wurde, war ihr Vater bereits seit vier Jahren Pächter des Kiosks, der damals weniger „schnieke“ war, wie die Lindners sagen würden. Aline Lindner begleitete den Papa oft zur Arbeit. Sie wuchs dort auf, wo das wiedervereinigte Berlin zusammenwuchs. Der einstige Todesstreifen vor dem Brandenburger Tor, wo die Freiheit von Ronald Reagan beschworen und von David Hasselhoff besungen wurde, war in den späten 1990er-Jahren Bau- und Nahtstelle zugleich; hier wurde am modernen Deutschland gebastelt, die neuen Fassaden sollten gläsern sein und die alten glänzen.

Im Staub und Lärm der Veränderung knieten die Hütchenspieler, daneben boten fliegende Händler die letzten Stückchen der Mauer zum Kauf, und als amerikanische oder sowjetische Soldaten verkleidete Gestalten ließen sich mit Touristen fotografieren. An diesem Ort, an dem Geschichte zur Zukunft wurde, verkauften die Lindners Getränke und Zigaretten, die Teller und Gläser und Tassen mit den historischen Berlin-Motiven und Schlüsselanhänger und Feuerzeuge und Kühlschrankmagneten. Aber nicht nur das Land veränderte sich, auch die Leute an der Kreuzung.

Kurz vor der Rushhour

Ein klarer Morgen, der Sommer hängt wie ein Versprechen über Berlin. Außer Aline Lindner und dem Currywurstverkäufer gegenüber, der Hunderterpackungen Würstchen in seine Bude wuchtet, sind nur die Empfangsmänner vor dem Adlon auf der Straße, die Chauffeure der VIP-Limousinen und die an ihren Motorhauben lehnenden Taxifahrer am Stand neben dem Kiosk – und ein paar Arbeiter, denn irgendwas wird immer gebaut.

Vom Alexanderplatz her kommen schwarze Limousinen des Bundestagsfahrdienstes und biegen rechts in die Wilhelmstraße ab. Ein paar zweistöckige Linienbusse steuern den Reichstag an, dessen schwarz-rot-goldene Fahne den Horizont überflattert. Es herrscht die kurze Ruhe vor dem täglichen Touristensturm, der sich dadurch ankündigt, dass die Stadtführer in ihren roten Jacken aus dem Ausgang des U-Bahnhofs Brandenburger Tor heraufsteigen und rote Regenschirme in der Sonne aufspannen. Auf den Schirmen steht, in welcher Sprache sie Berlin erklären können. Das Besucherchaos vor dem Brandenburger Tor ist organisierter, als es in Aline Lindners Kindheit war, und das, obwohl der Traffic deutlich zugenommen hat; Tausende Urlauber strömen jeden Tag über die Kreuzung am Lindner-Kiosk, von „Madame Tussauds“ weiter zum „famous gate“, eine wuselige Choreografie aus Reisegruppen, Bierbikes, Fahrradrikschas und Trabis, die man natürlich mieten kann.

Obwohl mehr Touristen da sind, verkauft Aline Lindner weniger als früher. „Die Leute lassen kaum Geld da“, sagt sie. Oder sie geben es eben beim Starbucks an der Ecke oder den Modeketten an der Friedrichstraße aus. Vom Pariser Platz nehmen die Besucher heute eher ein Selfie mit als einen Teller, sie interessieren sich für die Vergangenheit, konsumieren aber im Jetzt. Aline Lindner, die eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau absolviert, will den Vater überreden, das Sortiment anzupassen. Mehr T-Shirts, Gadgets, mehr Erfrischungen. Damit der Kiosk, an dem sie Souvenirs verkaufen, nicht selbst zu einer Erinnerung an vergangene Zeiten wird.

Aline Lindner sieht auf die Kreuzung, auf die sie schaut, seitdem sie denken kann, und sagt: „Hoffentlich knallt’s heute nicht!“ Drei Fahrradfahrer pro Woche, schätzt sie, erwischt es vor ihrem Kiosk. Die Blechschäden und Auffahrunfälle zählt sie gar nicht mehr. Viele unterschätzen die Kreuzung. Denn die Verkehrsregeln ändern sich ebenso wie die Verkehrsteilnehmer.

Anfang des Jahrtausends wurde das Brandenburger Tor für den Autoverkehr gesperrt. Seitdem dürfen nur noch Taxis und Besucherbusse und Pferdekutschen den Pariser Platz befahren. Wenig später wurden vor dem südlichen Teil der Wilhelmstraße, die einst Husarenstraße hieß und dann Neue Wilhelmstraße und bis 1993 Otto-Grotewohl-Straße, große Poller errichtet, um die Britische Botschaft vor Autobomben zu schützen. Seitdem ist die Kreuzung Unter den Linden/Wilhelmstraße nur noch in der Form eines L befahrbar. Weil Berlins prächtigster Prachtboulevard sechsspurig ist, weil von überall her Fahrradfahrer kommen und weil es allein sechs Fußgängerampeln zu beachten gilt, über die ab 12 Uhr Menschenmassen ziehen, die überallhin gucken, nur nicht auf die Straße, wird es trotzdem unübersichtlich.

Immer wieder gibt es deshalb Versuche, die Kreuzung zu einem besseren Ort zu machen. Im Koalitionsvertrag der rot-rot-grünen Regierung steht, dass auf der Straße Unter den Linden bald nur noch Fußgänger, Fahrradfahrer und Busse unterwegs sein dürfen. Das Zentrum Berlins wird autofrei – ein Symbol für die Verkehrswende. Aber noch ist nicht viel passiert. Und längst nicht jeder hält die Fußgängerzone im Zentrum des Zentrums für eine gute Idee. Zum einen ist die 61 Meter breite Straße eine von nur wenigen Ost-West-Verbindungen, zum anderen fürchten Stadtplaner wie Hildebrand Machleidt, dass die Straße dann zu einer Art 3-D-Museum wird: „Der Stadtkitsch würde flächendeckend verteilt. Ein Disneyland vom Pariser Platz bis zum Forum Fridericianum wäre eine Katastrophe – und extrem provinziell.“ 

 

Hier kommen alle vorbei. Jeder hat ein anderes Ziel

„Was ich an dieser Kreuzung so liebe“, sagt Aline Lindner, „ist, dass hier alles zusammenkommt: gehetzte Berliner, die Kanzlerin mit Polizeischutz, Prominente aus dem Adlon, orientierungslose Chinesen, abends Jugendliche, die feiern gehen. Alle wollen was anderes, aber alle wollen weiter und dürfen es! Wenn ich mir vorstelle, dass hier vor dreißig Jahren eine Grenze verlief, kriege ich Gänsehaut.“

Das klingt nach großen Momenten und alltäglichem Chaos. An der Kreuzung stehen aber auch viele Menschen in Polizeiuniform, die sich um den Verkehr kümmern könnten. Wobei: Nicht jeder, der aussieht wie ein Polizist, darf deshalb auch Strafzettel verteilen. Mario Erfurth, 41 Jahre alt, arbeitet seit 16 Jahren als Tarifbeschäftigter im Objektschutz. Er steht am Pariser Platz, trägt Uniform, leistet bei einem Verkehrsunfall aber höchstens Erste Hilfe. Erfurth und seine Leute stehen Schicht für Schicht, bei jedem Wetter, vor den vielen schützenswerten Gebäuden der Gegend – der Britischen, Amerikanischen, Französischen, Ungarischen oder Russischen Botschaft, den Büros des Bundestags oder dem Brandenburger Tor selbst – und halten nach Verdächtigen Ausschau.

„Wenn man hier den ganzen Tag steht und darüber nachdenkt, was hier alles passiert ist“, sagt Erfurth, „kommt man sich schon klein vor.“ Weil er so oft von Touristen danach gefragt wurde, weiß Erfurth, wann Napoleon durch das Tor ritt. Er weiß, dass an der Ecke Unter den Linden/Wilhelmstraße, wo heute das kleine Polizeihäuschen der Objektschützer steht, früher das legendäre Künstlerlokal „Zum schwarzen Ferkel“ beheimatet war. Und er weiß, wo in der Wilhelmstraße das Königreich Preußen und das Deutsche Reich und dann das NS-Regime ihre Machtzentralen hatten. Er sagt: „Und es ist doch toll, dass diese Kreuzung jetzt ein solch friedlicher Ort ist, den Menschen aus aller Welt bestaunen wollen und an dem an Silvester eine Riesenparty stattfindet!“ 

Noch nie war die Kreuzung so entspannt wie heute

Aber in der Geschichte gibt es keine Happy Ends, hier gibt es maximal vorübergehend ein bisschen Ruhe. Und dann wieder die Frage: Was kommt als Nächstes? Wo geht es hin? Die Berliner, die Bürger, Geschäftsleute und Politiker, müssen für sich herausfinden, welche Funktion die Kreuzung im Zentrum des Zentrums haben soll – und wie das zum Berlin der Zukunft passt. Soll der Ort eine Schnellstraße sein, ein Rummelplatz, eine Chill-out-Area oder eine Open-Air-Mall? Noch gibt es keine Antwort auf diese Frage.

Viele regen sich über die Künstlichkeit des Straßenzugs auf: ein geschichtsträchtiger Ort, der heute merkwürdig geschichtslos ist, weil hier keine Geschichte mehr geschrieben wird, nur konserviert und konsumiert. Aber wenn Mario Erfurth an einem sonnigen Tag wie diesem Unter den Linden steht, dann ist er froh, dass die Geschichte dieses Ortes auf den vielen Informationstafeln mit dem Fall der Mauer endet. Es ging an dieser Kreuzung wohl noch nie so entspannt und sauber zu wie heute.

Der Pariser Platz gehört zur „Reinigungsklasse 1“, das heißt, die Berliner Stadtreinigung säubert ihn mit einem sechsköpfigen Team dreimal am Tag. Hier strahlt alles, wie Berlin nur selten strahlt. Man nennt den Platz die „gute Stube“ der Stadt. Und es hat einen Grund, dass jeder sie betreten darf, auch die Demonstranten, die sich hier Woche für Woche anmelden, um vor der filmreifen Kulisse und am allerliebsten vor der US-Botschaft zu demonstrieren (heute ziehen Angehörige des in Pakistan unterdrückten Volks der Belutschen über die für wenige Minuten gesperrte Kreuzung). Natürlich könnte man die Botschaften vor dem Brandenburger Tor in diesen weltpolitisch angespannten Zeiten weiträumiger absperren. Aber ist es nicht wichtig, dass Berlin auch an seinem vielleicht verwundbarsten Ort einigermaßen offen ist? Mario Erfurth und seine Kollegen müssen deshalb egal in welcher Gefährdungslage bei dieser Postkartenstimmung auf alles Mögliche gefasst sein, was sie nie erleben wollen: Ein böser Plan. Ein Kopf, in dem es gerade zum Kurzschluss kommt. Ein Angriff. Wie das geht? An einem Ort, an dem jeder Zweite einen Rucksack trägt? „Man erkennt Menschen, die sich anders verhalten“, sagt Mario Erfurth, „aber das hat ja oft ganz banale Gründe; jemand hat sich verlaufen oder muss auf die Toilette.“ Er fragt dann, ob er helfen könne, und hofft, dass er während des Dienstes nie etwas erlebt, wofür man später eine neue Gedenkplakette wird anbringen müssen.

Das ist die Lektion – dass Verkehr an einer großen Kreuzung in einer großen Stadt nur so funktioniert: Man hält sich mehr oder weniger an die Regeln, schaut sich achtsam um und vertraut darauf, dass die anderen Verkehrsteilnehmer auch nichts anderes wollen, als an ihr Ziel zu kommen. Kooperation statt Kollision. Anders geht es nicht.

Aber selbst ein ereignisloser Tag an dieser Kreuzung ist anstrengend. Mario Erfurth und Aline Lindner lieben das. Genau hier zu stehen, in der gefühlten Mitte Deutschlands. Aber sie brauchen auch einen Ausgleich. Aline Lindner wohnt am Rand der Stadt, in Reinickendorf. Und Erfurth ist gerade mit seiner Frau aufs Land gezogen, nach Brandenburg. So weit entfernt vom Zentrum, wie es nur geht.