„Wir können mit 20% der Autos eine Stadt bewegen“

Carlo Ratti leitet das Senseable City Lab am MIT und führt ein renommiertes Architekturbüro. Wir haben ihn gefragt: Wie werden sie aussehen die Städte der Zukunft?

Carlo Ratti leitet das Senseable City Lab am MIT und führt ein renommiertes Architekturbüro. Er erforscht die urbanen Räume und gestaltet sie gleichzeitig. Wir haben ihn gefragt: Wie werden sie aussehen die Städte der Zukunft? 

 

Herr Ratti, Sie arbeiten unter anderem in Boston, Rom und Singapur. Welche Stadt finden Sie eigentlich am futuristischsten?

Es gibt es in vielen Städten einen ganz unterschiedlichen Vorgeschmack auf die Zukunft. In Singapur experimentiert man mit innovativen Mobilitätsmodellen und will eine Pionier-Stadt beim Testen selbstfahrender Autos werden. Boston wiederum ist beim Thema Bürgerbeteiligung zukunftsweisend. Es gibt dort das Projekt „Urbane Mechaniker “ – die Idee ist, dass die Bürger quasi ihre eigene Stadt reparieren können. Man fragt sie über eine App konsequent nach Feedback, um ihre Probleme zu verstehen und zu beheben. Und dann ist da noch Kopenhagen.

 

Was gefällt Ihnen an der dänischen Hauptstadt?

Kopenhagen will die erste Stadt sein, die komplett CO2-neutral ist. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Energieerzeugung und Mobilität in der Stadt nachhaltig organisiert.

 

Wie wichtig ist dabei das Konzept der „Smart City“?

In den Metropolen der Welt findet gerade eine neue Welle der digitalen Transformation statt. Vor zwanzig Jahren ging es darum, die digitale Infrastruktur einzurichten. Heute verschmilzt durch das Internet der Dinge die digitale mit der physischen Welt. Diese Konvergenz – das Vordringen des Internets in den realen Raum – wird unsere Städte in nahezu allen Dimensionen fundamental verändern.

 

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Die Müllbeseitigung ist ein gutes weil profanes Beispiel. Es gibt etwa vernetzte Mülltonnen, die registrieren, wenn sie voll sind und diese Information an die Behörden weiterleiten. Die Müllwägen müssen sie nur noch anfahren und leeren, wenn es wirklich notwendig ist. Das erhöht die Effizienz. Ein anderes Beispiel ist Mobilität. Ohne das Internet der Dinge hätten wir keine Ride-Hailing-Dienste. Und auch selbstfahrenden Autos wären ein Ding der Unmöglichkeit. Wir brauchen sehr viele Sensoren, die in Echtzeit sehr viele Informationen über die Stadt sammeln, damit selbstfahrende Auto eigenständig Entscheidungen treffen können. Und genau das wird jetzt langsam Realität.

 

Wie werden autonome Fahrzeuge unsere Städte verändern?

 

Wir haben errechnet, dass man mit nur 20 Prozent der Fahrzeuge eine Stadt bewegen könnte, wenn man die Technologie des autonomen Fahrens effizient nutzt – weil Autos dann nicht mehr den Großteil des Tages irgendwo parken. Aber wenn Menschen aufhören, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, weil sie es vorziehen, in einem selbstfahrenden Auto zu sitzen, könnten am Ende auch mehr Fahrzeuge in der Stadt unterwegs sein als heute. Es ist schwer vorherzusagen. Technologien können sich in viele Richtungen entwickeln.

 

Wie können wir sicherstellen, dass sich die Technik in die richtige Richtung entwickelt?

Zunächst einmal ist es wichtig, eine echte, offene Diskussion darüber zu führen, in was für einer Stadt wir eigentlich leben wollen. Und dann hängt sehr viel von der Politik ab und von der Besteuerung von Mobilitätsmodellen. Das Thema Geld ist aus zwei Gründen wichtig: Zum einen werden die Verwaltungen durch die neuen Mobilitätsformen auch Einnahmen verlieren – Parkgebühren und Steuern – die sich aus dem Individualbesitz von PKWs ergeben. Zum anderen kann man Steuerpolitik nutzen, um Anreize für gutes Verhalten zu schaffen – für das Teilen von Fahrzeugen zum Beispiel. Am Ende bleibt die Frage: Wer wird wie für den Wandel bezahlen?

 

Was passiert mit den Datenmengen, die eine wirklich smarte Stadt produzieren wird?

Daten sind ein mächtiges Werkzeug, um Veränderungen anzustoßen. So wird uns klar, wie wir uns verhalten und welche Auswirkungen unsere Lebensweise auf die Städte hat. Ein Beispiel: Vor ein paar Jahren haben wir ein Projekt durchgeführt, bei dem wir untersucht haben, wie Menschen ihren Müll recyceln. Die Probanden füllten zunächst einen Fragebogen aus. Dann haben wir die Recycling-Quote in der Region gemessen. Am Ende teilten wir alle Informationen und Daten aus der Studie mit ihnen. Die meisten Teilnehmer änderten tatsächlich ihr Verhalten zum Besseren, sobald ihnen die Daten zur Verfügung standen. Sie konnten ihr Verhalten in einen neuen Kontext setzen.

 

Was sagen Sie Menschen, die sich fragen, wie sich diese neuen Technologien mit unserem Anspruch auf Privatsphäre und Datenschutz vereinen lassen?

Ich kann ihnen die Bedenken nicht einfach nehmen. Wir leben bereits in einer Art Überwachungsgesellschaft – freiwillig. Denken Sie an all die Daten, die wir auf Facebook oder Instagram produzieren, und die gespeichert werden. Und wenn Sie ein Android- oder ein Apple-Handy verwenden, werden Ihre Bewegungen auch heute schon komplett aufgezeichnet. Man kann sogar feststellen, ob Sie gerade ein Auto, einen Bus oder ein Fahrrad benutzen.

 

Was also sollten wir tun? 

Wir brauchen dringend eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie wir Daten stärker im Interesse der Öffentlichkeit nutzen können. Aber die Frage ist nicht, wie wird in den Smart Cities der Zukunft mit dem Problem umgehen. Die Frage ist: Was machen wir im Hier und Jetzt?

 

 

Der Architekt und Ingenieur Carlo Ratti lehrt am Massachusetts Institute of Technology und leitet dort das renommierte Senseable City Lab. Er ist außerdem Gründungspartner des internationalen Designbüros Carlo Ratti Associati. Er erforscht also die urbanen Räume der Zukunft also nicht nur, er gestaltet sie auch.