"Ich träume von einer Stadt aus Glas"

Saskia Sassen lehrt Soziologie an der Columbia University und ist eine der wichtigsten Stadtforscherinnen weltweit. Wir trafen sie in New York, um mit ihr über die Stadt der Zukunft zu sprechen.

Frau Sassen, bevor wir in die urbane Zukunft reisen, würden wir gern über die Vergangenheit reden. Rom, Istanbul und Peking haben Imperien, Kriege, ganze Zivilisationen überdauert. Wieso sind Städte so widerstandsfähig? 

Es ist in der Tat faszinierend, dass viele Städte über Jahrtausende existieren. Meine Erklärung hierfür: Großstädte sind ungeheuer komplexe Systeme, die jedoch nie fertiggestellt werden. In dieser Mischung aus Komplexität und Unvollständigkeit liegt die Fähigkeit von Städten begründet, eine sehr lange Zeit zu überdauern.

Das müssen Sie genauer erklären!

Wenn man an Städte denkt, denkt man an Zement, an Straßen, Gebäude, Plätze. Städte gelten als starre, rigide Strukturen. Gleichzeitig sind sie offen und unvollständig. Es gibt immer etwas, das einer Stadt hinzugefügt oder an einer Stadt geändert werden kann. Und genau deshalb haben Städte diese Fähigkeit, sich immer wieder an neue Zeiten anzupassen.

Welche Veränderungen prägen die Städte heute besonders?

Der urbane Raum wird zu einem Investitionsobjekt. Wir haben hier in New York viele leere Gebäude, die so zum Teil rentabler sind, als wenn man sie vermieten würde. Warum? Der Zweck dieser Gebäude ist nicht länger, dass Menschen darin wohnen oder arbeiten. Es geht nur um den Profit, sie werden genutzt, um Asset-Backed Securities zu schaffen, die dann auf den Finanzmärkten gehandelt werden. Diese Entwicklung kam in den 1980er Jahren auf, als viele Städte sehr arm und heruntergekommen waren. Damals begann man die Metropolen zu privatisieren, zu deregulieren und zu globalisieren. Diese drei großen Trends prägen unsere Städte noch heute.

Auch neue Technologien verändern den urbanen Raum. Alle reden über Smart Citys.

Ich glaube, bei diesem Begriff geht es gar nicht darum, dass eine Stadt alle Arten von neuen Technologien einsetzt. Eine wirklich smarte Stadt bringt ihre Bewohner und all ihr Wissen an einen Tisch – ob digital oder auf andere Weise. Und die Stadtregierung und die Planer einer wirklich smarten Stadt setzen dieses Wissen dann auch um.

Können Sie uns ein Beispiel geben?

Zum Beispiel gibt es eine App, die Schlaglöcher beseitigen soll. Die Einwohner können also ganz einfach per Smartphone melden, wenn sie ein Schlagloch sehen. Die Information geht direkt an das Straßenbauamt. Das ist großartig! Viel effizienter, als wenn man Teams durch die Straßen der Stadt schickt, die nach Schlaglöchern suchen. Also: Smart City bedeutet für mich, dass die Stadtregierung jedem Bürger eine Stimme gibt – weil jeder Bewohner etwas über die Stadt weiß, was die Regierung nicht weiß. Statt die Stadt aktionistisch mit irgendwelchen Kameras und Sensoren zu versehen, sollten die Stadtverwaltungen sich genau überlegen, was sie wirklich brauchen und wie sie Technologien wirklich sinnvoll nutzen können. Sensoren und Kameras sind ja nur dann nützlich, wenn irgendjemand tatsächlich auf die Informationen reagiert, die sie sammeln. Aber oft passiert das nicht, weil Städte mit den Datenmassen nicht umgehen können.

 

"Smart City bedeutet für mich, dass die Behörden jedem Bürger eine Stimme geben – weil jeder etwas über die Stadt weiß, was die da oben nicht wissen." 

 
Auch die Mobilität in den Städten ändert sich rasant: Es gibt autonome Fahrzeuge und Elektromotoren, neue Mobilitätsanbieter verändern die Art und Weise, wie Menschen von A nach B kommen …

Ich denke, am wichtigsten ist der Trend, dass immer weniger Stadtbewohner ein Auto besitzen wollen. Mein Mann und ich, wir hatten mal ein sehr schönes Auto. Aber vor 25 Jahren sagten wir uns: Zur Hölle damit! So geht es auch vielen meiner Freunde und meiner jüngeren Studenten. Für sie bedeutet ein Auto nichts als Stress: Man braucht den Führerschein, muss einen Parkplatz finden. Es reparieren. Öl und Reifen wechseln. Das will keiner mehr. Heute will man einen Service, den man einfach nutzen kann, wenn man ihn braucht. Diese Fahrrad- oder Auto-on-Demand-Dienste sind ein gutes Beispiel dafür. Und ich denke, die Zukunft wird noch mehr von diesen Möglichkeiten bringen.

Wie wird das die Städte verändern?

Ich denke, das wird von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich sein. Manche Metropolen werden die neuen Freiheiten vernünftig nutzen, andere nicht. Reiche Städte werden es besser hinbekommen als arme, überforderte Städte.

 

"Was wirklich zählt, ist die Idee, dass die Stadt ein Raum für Menschen ist, und nicht für Lastwagen, Autos und Busse."

 

Wie könnte das im besten Fall aussehen?

Städte könnten endlich wieder zu Spielplätzen für Kinder werden.  Es gibt schon diese Versuche, bestimmte Straßen für eine gewisse Zeit sperren. Wenn die Kinder von der Schule zurückkommen, können sie dort draußen auf der Straße spielen. Was wirklich zählt, ist die Idee, dass die Stadt ein Raum für Menschen ist, und nicht nur ein Raum für Lastwagen, Autos und Busse. 

Vergessen Sie mal kurz Ihren wissenschaftlichen Hintergrund und stellen Sie sich die Metropolen des Jahres 2100 vor: Wie könnte das aussehen?

Nun, ich glaube jedenfalls nicht an fliegende Autos, das wäre eine Katastrophe, weil es sicher ständig Unfälle gäbe. Aber ich denke schon, dass wir extreme Innovationen sehen werden. Ich glaube, dass die Verkehrssysteme viel komfortabler werden. Wir werden einfach in Fahrzeuge einsteigen, ohne Ticket, ohne Kontrollen. Und wenn wir nur drei Ecken weit fahren wollen, weil wir gerade müde sind oder die Tasche zu schwer wird, dann fahren wir genau die drei Ecken weit. Alles wird sehr flexibel sein. Ich persönlich liebe es, zu Fuß zu gehen. Ich liebe es aber auch, mich sehr schnell durch eine Stadt zu bewegen. Diese Laufbänder, die es in Flughäfen gibt, sind großartig! Die hätte ich gern auch in der Stadt. Ich fände es auch bedenkenswert, eine Stadt auf mehreren Ebenen zu planen. Vielleicht gibt es eine Ebene mit Straßen für den Verkehr und eine andere mit viel Platz für die Menschen. Und zuletzt: Ich fände es toll, mithilfe von Technologie mehr Transparenz in unsere Städte zu bringen.

Wie genau meinen Sie das?

Stellen Sie sich vor, es gäbe in der Stadt eine Vielzahl Wände, die aus Glas bestehen. Dann könnten Sie all die unterschiedlichen Tunnel, Kanäle und Rohre sehen, die die Stadt durchziehen und durch die das Wasser läuft, unser Müll und so weiter. Ich finde, die Bürger sollten verstehen können, wie eine Stadt funktioniert, sie sollten in der Lage sein, die inneren Organe der Stadt zu sehen. Ich glaube, dass diese Organe, die sich tief in unseren städtischen Räumen verbergen, ganz neue Geschichten über unsere Städte erzählen würden. 

 

Saskia Sassen 

Die 71-jährige ist Professorin der Soziologie an der Columbia University, New York, und forscht vor allem über die Globalisierung und die Entwicklung der großen Metropolen. Zu ihren wichtigsten Büchern gehören „The Global City“ und „Cities in a world economy“. Sie wurde vielfach ausgezeichnet und hielt auch einen TED Talk über Smart Citys.