Moskau: Der Stau-Vize-Weltmeister

Im ersten Teil unserer Blog-Serie zur Fußball-Weltmeisterschaft in Russland widmen wir uns dem Gastgeber Russland: Also, wie entzieht sich die Hauptstadt Moskau dem festen Griff des Großstadtstaus?

Bevor es für Toni Kroos, Christiano Ronaldo, Lionel Messi & Co. in den Fußballstadien in Russland richtig zur Sache geht, schauen wir uns im Laufe der Fußball-Weltmeisterschaft die Mobilitätskonzepte verschiedener Städte und Länder an. Was macht sie besonders? Wie weit ist die Entwicklung von smarten Mobilitätslösungen dort schon fortgeschritten? Gibt es Dinge, von denen wir hier lernen können?

 

1. Moskau ist Stau-Vize-Weltmeister

Und was hast du am langen Wochenende gemacht? – Ach, ich stand nonstop im Stau.

Das klingt übertrieben, aber tatsächlich ergab eine Studie des Verkehrsdatenanbieters Inrix, dass der durchschnittliche Moskauer Autofahrer im Jahr 91 Stunden im Stau verbringt. Das sind beinahe vier volle Tage – oder fast alle 64 Spiele der Fußball-WM. Oder um es noch schmerzhafter zu formulieren: zwei Wochenenden. Das wird nur noch von Los Angeles mit über 100 Staustunden überboten. Kein Wunder, dass die Bürger der Stadt im Kampf gegen den Stau längst aktiv geworden sind.

 

2. Per Anhalter durch die Nacht

Es ist eine der ältesten und einfachsten Varianten, um Fahrzeuge auf der Straße effizient zu nutzen, und doch ist es vielerorts eher unüblich: das Trampen. In Moskau allerdings ist es keine Seltenheit, dass die Einwohner ganz altmodisch den Daumen am Straßengraben raushalten und damit ein Zeichen gegen das Verkehrschaos setzen. So besetzen private Menschen leere Plätze in ihren Autos und verdienen sich noch ein wenig Geld dazu. Denn es ist üblich, bei Fahrtantritt den Preis für die Fahrt auszuhandeln. Obwohl insbesondere Touristen gerne gemahnt werden, nachts nicht alleine durch die Straßen Moskaus zu schlendern, würden die Einheimischen gerade zu später Stunde häufiger per Anhalter reisen.

 

3. Die U-Bahn als wahrer Palast im Untergrund

Viele große Städte haben diese eine U-Bahn-Station, die scheinbar eine Dauerkarte für die Profile ambitionierter Instagrammer hat. Wo die Hamburger sich in der Hafencity-Station die Finger wund posten, hat ein echter Moskauer wohl nur ein müdes Lächeln übrig. Moskau ist bekannt für seine spektakulären U-Bahn-Stationen. Ausgestattet mit Marmor und Granit, mit goldenen Applikationen und architektonischen Finessen sind Stationen wie Kosmolskaja und Majakowskaja wahre Paläste im Untergrund. Doch was die Moskauer Metro bietet, sieht nicht nur schön aus, sondern bietet noch mehr für seine jährlich rund 2,4 Milliarden Fahrgäste. In Stoßzeiten fahren die Bahnen nahezu im Minutentakt, bereits seit 2014 gibt es in allen Bahnen kostenloses WLAN.

 

4. Flächendeckende Elektrobusse

Gerne lassen wir uns hinreißen, beim Thema elektrische Mobilität direkt an moderne Autos wie unseren MOIA+6 zu denken. Auf eine etwas andere Art und Weise wird E-Mobility bereits seit längerem von der breiten Masse in Moskau genutzt: Seit 1933 fahren sogenannte Oberleitungsbusse durch die russische Hauptstadt. Mittlerweile bietet die Stadt das weltweit größte Netz. Ausgebaut wird das Netz allerdings nicht, es ist eher rückläufig. Denn flexible on-demand-Mobilität sind mit einer Oberleitung nicht möglich. Vor allem in der Moskauer Innenstadt ist der Trolleybus nach wie vor eine beliebte Wahl.

 

5. Die Marschrutka

Die russischen Sammeltaxen haben es in sich. Die Marschrutka sind Kleinbusse, die eine festgelegte Route durch die Stadt fahren. Auf Zuruf nehmen sie Fahrgäste mit und lassen diese auch wieder raus. Die Kleinbusse sind üblicherweise völlig überfüllt, sodass Fahrgäste auch im Stehen mitfahren. Die Fahrer der Marschrutka sind berüchtigt für ihre etwas rücksichtslose Fahrweise. Insgesamt geht es in den kleinen, von Privatunternehmern betriebenen Bussen, recht ruppig zur Sache. Im Inneren herrscht Chaos. Wer aussteigen möchte, muss schon laut und bestimmend werden, um nicht überhört oder schlicht und einfach ignoriert zu werden. Nicht umsonst gibt es seit 2016 starke Regulierungen für die Marschrutka, die in ihrer Ursprungsform in der russischen Hauptstadt kaum noch vorkommen.