Gespenster auf der Straße

In jeder Metropole gibt es eine Kreuzung, welche die Stadt auf den Punkt bringt: Menschen und Maschinen, das Raunen und Rauschen, Bewegung und Stillstand. Wer hier einen Tag verbringt, versteht die Stadt – und wie sie sich verändert. Folge 1: das Schulterblatt in Hamburg

Und jetzt auch noch der Abriss. Im Frühjahr rollten die Bagger an und begannen sich durch das Betonmauerwerk zu beißen. Ein Spalt klafft bereits in den Wänden, Passanten bleiben stehen, eine Frau blickt auf das Geröll und sagt: „Endlich ist das Kapitel vorbei.“

Das Kapitel, das alle hier vergessen wollen. Und das trotzdem noch in allen Köpfen steckt. Das Kapitel, das dieses Viertel für immer verändern könnte, sagen manche, und damit irgendwie auch die gesamte Stadt.

Das Kapitel, das ist natürlich der G20-Gipfel 2017 in Hamburg.

Chaostage. Eine Stadt im Belagerungszustand, tagelang. In Erinnerung noch immer: das brennende Schanzenviertel. Feuer auf der Kreuzung Susannenstraße/Schulterblatt, meterhoch schlugen die Flammen. Die Randalierer stürmten eine Drogerie, eine Boutique, einen Supermarkt und die Hamburger-Sparkassen-Filiale am Schulterblatt 58.

Um die Ruine kümmern sich nun die Abrissbagger. Eine neue Bankfiliale wird gebaut. Aber es wird dauern, bis die letzten Spuren des G20-Gipfels verschwunden sind. Der Bürgersteig direkt vor der Bank: von Bauzäunen versperrt. Die Ampelanlage an der Kreuzung wurde deaktiviert, zwei zusätzliche Fußgängerampeln einige Meter entfernt eingerichtet. Im Minutentakt springt die Ampel um. Für den Verkehr bedeutet das: Schritttempo, für alle. Die Taxen und Lieferwagen, die über das Kopfsteinpflaster holpern, die Fahrradkuriere, die Carsharing-Nutzer, die Mutter mit dem Lastenrad, von dem zwei Kinder winken.

 

Mischung aus Dorfplatz und Highway

Das Schulterblatt liegt mitten im Hamburger Schanzenviertel, zwischen St. Pauli und Altona. Mal wirkt es wie ein Dorfplatz, mal wie ein Highway. Dabei ist die Kreuzung dort keine zum Darüberhetzen. Sondern eine zum Stehenbleiben, zum Umschauen, Verweilen. Der Straßenzug ist nur wenige Hundert Meter lang, überall Graffiti: „Gegen Imperialismus“ trotzparolt es von den Wänden, „Solidarität mit Rojava“, „Schulter an Schulter gegen den Faschismus“. Ein Ort mit vielen Titeln, die wenigsten sind schön: Problembezirk. Krawallhochburg. Touristenfalle. Ground Zero der Gentrifizierung. Eine Ansammlung düsterer Label.

Marla hasst das Wort „Szenecafé“. Sie bedient nicht nur Flat White trinkende Hipster. Nein, das ganze Viertel komme zu ihnen. Da sitzen Rentnergruppen beim Frühstücksplausch neben Touristen in Multifunktionsjacken. Da hört man Türkisch am Nebentisch und Englisch und auch Hamburger Platt.

 

„Hier leben Menschen, wie sie wollen“

Christine Böer ist begeistert von Marla und ihrer grazilen Schönheit, aber vor allem von der Eigenwilligkeit des Ortes und der Menschen. „Das Schulterblatt ist Leidenschaft, hier leben Menschen, wie sie wollen“, sagt Böer.

Das Schulterblatt als kreative Schlagader Hamburgs. Seit Jahrzehnten siedeln sich auf dem und um den Straßenzug Werbeagenturen an, kommen Start-ups, eröffnen Gemeinschaftsbüros. Die neuen Menschen bringen neues Geld und neue Ideen. Das Viertel wächst. Aber auch die Ansprüche wachsen. Und mit ihnen die Probleme.

 

13 Uhr. Bruno’s Käseladen, Apfelschorle: 2,40 Euro

Eine kleine Theke, Dutzende Käselaibe, Tomme de Savoie, Bergkäse, Rosmarin-Manchego. Hinter der Theke Bruno Blockus, 67. Seit 28 Jahren steht er schon hier, blickt durch die Schaufenster auf die Straße. Sieht, wie Autos abgeschleppt werden und Falschparker Knöllchen bekommen. Sieht die Schar der Lieferwagen morgens, die all die umliegenden Geschäfte beliefern. Beobachtet Touristenbusse, die sich ihren Weg durch die enge Straße bahnen, knapp vorbei an den parkenden Autos, um kurz vor der Roten Flora zu halten. Nach einer kurzen Lektion politischer Stadtgeschichte fahren sie weiter.

Er liebte sie, die Schanze. Früher. Erzählen will er zunächst nicht. „Ach nee“, ruft Blockus und wedelt mit seiner Hand, als müsse er eine Fliege verscheuchen. Dann holt er doch aus.

Früher, da hatten sie hier Spaß. Es gab einen Fischladen und einen Schlachter auf der Straße, da fühlte man sich wie in einem Dorf. Da saßen abends alle zusammen, aßen Eisbein und tranken Bier, lachten und feierten, trösteten sich. Vor allem aber: Man kannte sich.

Das Schanzenviertel war die Werkbank Hamburgs. Hier wohnten die Arbeiter, die tagsüber an den Maschinen standen, in der Pianofabrik, im Schlachthof, beim Schreibgerätehersteller Montblanc, in der Kautschukwäscherei, in der Maschinenfabrik. Aber die Arbeiter sind längst weggezogen. Selbst Studenten-WGs gebe es immer weniger im Viertel. Wer soll es sich heute noch leisten können, hier zu leben? Er deutet auf das Haus schräg gegenüber der Kreuzung, über „Pizza Pazza“. Alle Wohnungen stehen leer, seit Jahren. Manchmal kommen Handwerker. Aber kein Leben zieht ein. Da spekuliere irgendein Finanzkönig, meint Blockus. Und töte das Viertel.

 

Gespenster auf der Straße

Blockus kennt viele Kollegen, die irgendwann nicht mehr mitkamen bei der Entwicklung, die wegen der steigenden Ladenmieten aufgeben mussten. Überall Gespenster und Erinnerungen. Es spukt in der Schanze. Die Forderungen der Vermieter seien so hoch, sagt er, das könne man am Jungfernstieg bezahlen, wo die Edelboutiquen locken. Nicht hier!

Auch er kann allein vom Käseverkauf nicht überleben. Die Hälfte seines Umsatzes mache er mit Salaten und Flammkuchen, mit der Außengastronomie. Er hatte Glück, noch eine Konzession von der Stadt zu bekommen. Seit Jahren gibt sie keine mehr aus, ein müdes Mittel im Kampf gegen die Partymeile am Schulterblatt.

Spricht man auf der Straße Bewohner des Viertels an, erzählen viele ähnliche Geschichten. Die Frau zum Beispiel, Mitte 30, schwarze Jacke mit St.-Pauli-Totenkopf-Emblem, Kinderwagen, gerade vom Einkauf zurück, kurvt genervt um die Bierbänke der Imbisse, drückt die Haustür auf. „Es ist zum Kotzen“, sagt sie. „Auf der einen Seite die Gentrifizierung, die Touristenwellen. Auf der anderen Seite die Rote Flora, Demos und Gegendemos.“ Das sei zu viel. „Man kann hier nicht mehr parken, nicht mehr laufen, nicht mehr leben.“ Sagt es und verschwindet im Dunkel des Hausflurs.

 

19 Uhr. „Chambre Basse“, Gin Tonic: 8 Euro

Fünfzehn Stufen führen runter in eine Cocktailbar, die man in New York oder Paris vermutet hätte, aber nicht hier, unter dem Haus 73, direkt neben der Roten Flora, dieser Kathedrale linken Widerstands. Bis vor wenigen Monaten basste hier noch Hip-Hop-Musik aus den Boxen, Hunderte feierten im „Kleinen Donner“, jedes Wochenende volles Haus. Doch wenige Meter entfernt liegt ein Schlafzimmer, alteingesessene Schanzenbewohner, sie kennen das Viertel, aber auch sie werden älter. Und empfindlicher. Die Musik des Clubs war zu laut.

Jetzt also blanke Holztische, Lampen hängen tief über den Tischen, in einem weiten Kübel wird Champagner gekühlt. Gediegener geht es nirgendwo zu auf der Schanze. Fordert das nicht den Protest heraus?

„Nein, die Gäste freuen sich über uns“, sagt Betriebschef Martin Siegmann. „Chambre Basse“, das ist Französisch für Unterhaus und spielt nicht nur auf die Souterrainlage der Bar an, sondern hat auch eine politische Bedeutung. In der Karte steht neben jedem Drink eine Jahreszahl. Meilensteine der Menschenrechtsbewegung seien das, sagt Siegmann und startet einen kleinen Exkurs:

  • 539 vor Christus: Kyros der Große erobert Babylon und befreit Tausende Sklaven.
  • 1341 nach Christus: Das englische Parlament wird in Unter- und Oberhaus aufgeteilt.
  • 1789 nach Christus: Französische Revolution.

„Wir passen zu diesem politischen Viertel, weil wir nicht auf plumpe Besäufnisse setzen. Und weil wir sehr gute Drinks haben“, sagt Siegmann. Er selbst bezeichnet sich als politisch links, war schon oft in der Flora, bei Konzerten, Partys, Lesungen. Das Schulterblatt sei eben ein Reibungspunkt zwischen oben und unten, den radikalen Rändern und der Mitte, und das sei auch gut so. Jede Stadt brauche so einen Ort.

Natürlich weiß Siegmann, wie schwierig das Viertel sein kann. Als vor zwei Jahren einen Block entfernt eine hippe Pizzeria eröffnete, schmissen Autonome wochenlang die Scheiben ein. Er selbst habe bislang keine Beschwerden gehört. An den Wochenenden bilde sich eine Schlange vor dem Laden, manche Gäste würden eine halbe Stunde warten, um einen Drink bestellen zu können.

Vielleicht ist das Schulterblatt wirklich erwachsener geworden, gediegener, anspruchsvoller. Vielleicht ist es aber auch gut, dass das „Chambre Basse“ im Keller liegt.

Hier haben sie keine Scheiben, die man einschmeißen könnte.