„Der Stresspegel von Autofahrern in der Rushhour ist ähnlich hoch wie der von Kampfpiloten im Einsatz“

Ein Gespräch über Stress, Stadtplanung und den flexiblen Umgang mit Mobilität.

Der Berliner Psychologe und Stressforscher Mazda Adli beschäftigt sich mit dem Einfluss der Großstadt auf die mentale Verfassung ihrer Bewohner. Ein Gespräch über Stress, Stadtplanung und den flexiblen Umgang mit Mobilität.

 

Herr Adli, in Ihrem Buch „Stress and the City“ schreiben Sie, Städte seien laut, hektisch, sogar gesundheitsschädlich. Auf dem Land ist es uns aber zu langweilig. Und jetzt? 

Ein Umzug in die Provinz ist auch keine Lösung für die Probleme und Gesundheitsrisiken, die das Stadtleben mit sich bringt. Wir müssen stattdessen die Städte zu lebenswerten Orten machen. Denn die Zukunft des Menschen ist eine urbane. Deshalb müssen wir unsere Städte so einrichten, dass es sich besser und gesünder in ihnen leben lässt.

 

50 Prozent aller Menschen leben bereits in Städten, 2050 sollen es 70 Prozent sein. Was ist am Stadtleben so ungesund?

Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass Stadtbewohner für bestimmte psychische Erkrankungen ein erhöhtes Risiko aufweisen. Bei Depressionen ist das Risiko in der Stadt etwa anderthalbmal so groß wie für Landbewohner, bei Angsterkrankungen 1,2-mal. Bei Schizophrenie liegt das Risiko der Städter doppelt so hoch, wenn man seine ganze Kindheit und Jugend in der Stadt verbracht hat, sogar dreimal so hoch wie bei Landbewohnern.

 

Woran liegt das?

Stress spielt dabei eine große Rolle, vor allem sozialer Stress. Darunter versteht man die Gleichzeitigkeit von Enge und sozialer Isolation. Wenn das Leben dazu noch als unvorhersehbar und unkontrollierbar empfunden wird, kommt es zu einer toxischen Situation. Es gibt beispielsweise Studien, die zeigen, dass der Stresspegel von Autofahrern in der Rushhour ähnlich hoch ist wie der von Kampfpiloten im Einsatz.

 

In Ihrem Buch sprechen Sie auch von „territorialem Stress“. Was ist das?

Er entsteht aus dem Gefühl, dass man keinen Rückzugsraum und keine Privatsphäre hat. Dass man der Betriebsamkeit der Stadt ungeschützt ausgesetzt ist – und Ruhe unmöglich.

 

Wie kann man diese negativen Effekte verringern?

Die Aufgabe von Stadtplanung und Stadtgestaltung muss es sein, diesem sozialen Stress, so gut es geht, entgegenzuwirken. Zum Beispiel indem man soziale Isolation und Einsamkeit minimiert. Das steht als Ziel auch im neuen Koalitionsvertrag, was ich begrüßenswert finde. Zum Beispiel sollte man dafür sorgen, dass sich Menschen bereitwillig vor der eigenen Haustür aufhalten und wohlfühlen. Dafür muss man öffentliche Plätze schaffen, die Menschen in Kontakt bringen und die soziale Kohäsion fördern.

 

Ihr Buch ist gleichzeitig auch eine Liebeserklärung an die Großstadt. Wie kann man als Einzelner sicherstellen, dass die positiven Aspekte des urbanen Lebens den Stress überwiegen?

Ein wichtiger „Großstadtskill“, wie ich es nenne, ist die Lust an der Partizipation. Wenn man seine Stadt aktiv entdecken will, mit offenen Sinnen die Straße durchschreitet und schaut, welche Menschen dort wohnen, und sich mit dem urbanen Raum und der eigenen Nachbarschaft vertraut macht.

 

Wie kann das konkret aussehen?

Routinen zu durchbrechen, hilft enorm. Nicht immer denselben Weg zur Arbeit nehmen, sondern auch mal eine andere Route oder ein anderes Verkehrsmittel wählen. Ein guter, flexibler Umgang mit Mobilität ist wichtig. Zum Beispiel verschiedene Fortbewegungsmittel miteinander zu kombinieren. Gerade in der Stadt haben wir ja den Vorteil, dass wir nicht alle auf den Privat-Pkw angewiesen sind.

 

Das Zusammenleben in der Stadt bedeutet immer auch Teilen: von der Parkbank über den Gehweg bis zum Bikesharing-Fahrrad. Ist Teilen ein Zugewinn oder bedeutet es nur noch mehr Stress?

Natürlich ist das Teilen ein Zugewinn. Das gemeinsame Verwenden von Ressourcen ist in der Stadt viel einfacher als auf dem Land, weil die Entfernungen geringer sind und dadurch der Aufwand sinkt. Die Dichte der Stadt hat hier eindeutige Vorteile, weil wir uns gegenseitig dadurch besser unterstützen können.

 

Welche Rolle kann Technologie für ein gutes Leben in der Stadt spielen?

Eine gewisse digitale Virtuosität ist sehr hilfreich. Mithilfe von digitalen Diensten kann ich mir eine Stadt auf Arten erschließen, die es früher nicht gab. Ich kann mit verschiedenen Apps zum Beispiel einen Stadtraum in Schichten teilen wie bei einer Kernspintomografie. Je nachdem, was man sucht, wird ein und derselbe Raum plötzlich als Netz von Supermärkten dargestellt, dann von Tankstellen, von Grünflächen oder von Verkehrsadern. Je nach Wunsch kann ich mir Geldautomaten ebenso anzeigen lassen wie Kontakt- und Flirtmöglichkeiten. So wird aus dem komplexen Stadtgebilde plötzlich ein geschichtetes Konstrukt mit mehreren Funktionalitäten.

 

In vielen Städten gibt es immer weniger Marktplätze und immer mehr exklusive Einkaufs- oder Bürolandschaften. Was macht das mit den Bewohnern der Stadt?

Das ist in der Tat ein Trend, den ich mit Sorge beobachte: dass der öffentliche, informelle Raum, der von den Menschen gestaltet werden kann, immer weiter schrumpft. Urbaner Raum wird immer teurer, er wird nachverdichtet, er ist immer häufiger in privater Hand. Und das bedeutet natürlich auch, dass das Risiko für Isolation und Fragmentierung der Gesellschaft steigt.

 

Was ist also zu tun?

Wir müssen darauf achten, dass der öffentliche Raum nicht nur aus mehrspurigen Straßen und Shoppingmalls besteht, die total durchfunktionalisiert sind. Wir brauchen auch Orte, die sich von denjenigen, die sie nutzen, gestalten lassen.

Der Bryant Park in New York ist ein gutes Beispiel, dort hat man das Gefühl, die Stadt sei einem wohlgesonnen.

 

Was macht den kleinen Park in Manhattan so besonders?

Dort stehen viele Metallstühle, die jedoch nicht befestigt sind. Jeder kann sie umherziehen und so platzieren, wie er will. Man kann sich in Gruppen zusammensetzen, oder man zieht sich einen einzelnen Stuhl zur Seite, wenn man seine Ruhe möchte, um etwas zu lesen. Dieser Platz sieht irgendwie unfertig aus und wird gerade deshalb unglaublich gut genutzt. Durch die Unfertigkeit und Flexibilität kommen die Menschen miteinander ins Gespräch – das ist es ja auch, was eine Stadt wie Berlin so attraktiv für viele Menschen aus der ganzen Welt macht.

 

Was ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

Der Campus Nord zwischen Charité und Humboldt-Uni. Das ist ein ganz versteckter Park, ein ehemaliger Jagdgrund der preußischen Kurfürsten und heute ein wunderschönes urbanes Kleinod. Darin befindet sich Berlins ältester Hörsaal, das Tieranatomische Theater – und wenn sie Wasser führt, fließt die Panke durch das Areal. Eine kleine, ruhige Oase mitten im trubeligen Berlin.

 

Nach Teheran, Bonn, Wien, Paris und San Francisco lebt Mazda Adli heute in Berlin.
Er ist Chefarzt der Berliner Fliedner Klinik und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen an der Charité. Sein Buch „Stress and the City. Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind“ ist bei C. Bertelsmann erschienen (384 Seiten, 20 Euro).