Das ist MEINE Stadt

In Berlin leben knapp 3,5 Millionen Menschen.

In Berlin leben knapp 3,5 Millionen Menschen. Aber jeder bewegt sich in seiner ganz eigenen Stadt und folgt seiner eigenen „mentalen Landkarte“. Was bedeutet das für Mobilitätsdienstleistungen?

„Die Aufgabe wechselt nicht nur von Mensch zu Mensch – entsprechend der Einzigartigkeit jeder Person –, sondern auch von Stunde zu Stunde, gemäß der Einmaligkeit jeder Situation.“

Viktor E. Frankl, Psychoanalytiker


Eine Stadt besteht aus Stein, Stahl, Glas und Beton. Harte Materie, die unsere Wege oft genug einschränkt. Menschenmassen strömen durch Häuserschluchten wie Wasser durch starre Kanalsysteme. S- und U-Bahnen führen uns auf ehernen, gitterartigen Gleisen. Und oft genug verbieten Straßenschilder und Betonblöcke den dringend notwendigen U-Turn.


Da kann man halt nichts machen. Oder? 

Der US-Stadtplaner Kevin Lynch beschrieb schon in den 1960er Jahren in seinem Klassiker „The Image of the City“, dass jeder Stadtbewohner eine ganz eigene „mentale Karte“ anfertigt, die auf „Routen, Grenzen, Bezirken, Netzwerkknoten und Wahrzeichen“ beruhe. Anders gesagt: Die harte Materie kann den menschlichen Bewegungsdrang nicht aufhalten. Es gibt knapp 3,5 Millionen Berliner, aber jeder nimmt die Stadt mit anderen Augen wahr und geht seine eigenen Wege. Es gibt Berlin also knapp 3,5 Millionen Mal.

Im Rahmen unseres Co-Creation-Prozesses baten wir Mitglieder der MOIA Community aus Berlin, auf einer Stadtkarte einzuzeichnen, wo sie sich meistens in der Metropole bewegen und aufhalten. Es entstanden handgezeichnete Heatmaps, die nicht zufällig an Datenvisualisierungen erinnern, in denen Tweets oder Verkehrsdaten den Puls einer Stadt scheinbar in Echtzeit anzeigen. Während der eine seinen Kiez nie verlässt, durchquert sein Nachbar die Stadt auf dem Weg zur Arbeit fast jeden Tag.

Im Schnitt sind Berliner gut 80 Minuten pro Tag unterwegs, fand die bundesweite Studie „Mobilität in Städten“ heraus. Während in vielen deutschen Städten mehr als 50 Prozent der Wege mit einem Pkw zurückgelegt werden, gehen 32 Prozent der Berliner zu Fuß, 26,5 Prozent nutzen ÖPNV und 13 Prozent das Fahrrad. Der sogenannte „motorisierte Individualverkehr“ kommt in der Hauptstadt nur auf 28,3 Prozent. Berliner erreichen ihre Ziele also auf besonders flexiblen Wegen. Die persönliche Stadtkarte ist so individuell wie ein Fingerabdruck.
 

 

Das Verhalten und die Träume der Stadt­bewohner ändern sich schneller als die urbane Infra­struktur.

Und was macht man, wenn die persönliche Heatmap nicht mit dem ÖPNV-Netz kompatibel ist? Auch wenn Nachfrage danach besteht: Der Bau von neuen U-Bahn-Linien und -Tunneln kostet Millionen Euro und dauert Jahre. Vielleicht ist das ein Grund, warum unsere Berliner Co-Creators neue Mobilitätslösungen so interessant finden. Ridepooling, Bikesharing und andere Services kommen ohne Stein- und Stahlkonstruktionen aus und schaffen neue Verbindungen zwischen bestehenden Systemen. Dadurch entstehen neue Pfade und Bezirke, Grenzen lösen sich auf und Wahrzeichen rücken hoffentlich in greifbare Nähe. Unsere mentalen Stadtpläne müssen neu geschrieben werden.