"Zukunft der Mobilität bedeutet für mich das Zusammenspiel von verschiedenen Verkehrsmitteln"

Wir sprachen mit Dr.-Ing. Martin Kagerbauer, Institut für Verkehrswesen,
 Karlsruher Institut für Technologie (KIT) über die Begleitforschung in Hamburg.

Herr Dr. Kagerbauer, Sie sind Verkehrsforscher am KIT und führen die Begleitforschung zu MOIA in Hamburg zusammen mit der TU München durch. Verkehrsforschung – was ist daran eigentlich spannend?

Wie Menschen von A nach B kommen, fand ich schon immer spannend. Aus heutiger Sicht interessiert mich vor allem das Zusammenspiel von verschiedenen Verkehrsmitteln und integrierten Mobilitätskonzepten. Hier passiert dank Digitalisierung und Vernetzungsmöglichkeiten momentan enorm viel. Neue Mobilitätsdienste kommen gerade in den Markt und sind in aller Munde. Die Wirkungen dieser neuen Konzepte zu erforschen, ist extrem spannend.      

Was fasziniert Sie an neuen Konzepten?

Ich sehe bei Sharing-Diensten und Angeboten wie Ridepooling ein hohes Potential im Hinblick auf die Verkehrswende – vor allem im Zusammenhang mit veränderten Mobilitätsgewohnheiten und den schon bestehenden Verkehrsmitteln. Die Faszination und gleichzeitig auch die Herausforderung besteht darin, Mobilität auch ohne Pkw-Besitz vor allem in Ballungsräumen bereitzustellen und dabei den Aktionsradius der Bürgerinnen und Bürger nicht einzuschränken. Aber am Ende ist die Akzeptanz der Bevölkerung der Schlüssel für den Erfolg der Verkehrswende. Diesen Wandel erforschen wir. 

Vor welchen Herausforderungen stehen wir in Bezug auf den Mobilitätswandel?

Gerade vor dem Hintergrund wachsender Umweltprobleme ist es notwendig jetzt zu handeln. Zudem spielen auch regulierende Maßnahmen wie z.B. das Personenbeförderungsgesetz teilweise eine Rolle.  Wir werden die Herausforderungen meistern, wenn wir einen bunten Blumenstrauß an verschiedenen umweltfreundlichen und emissionsfreien Mobilitätsangeboten zusammenstellen können und alle Angebote attraktiv sind. Hier gilt es, bestehende Angebote zu optimieren und neue Angebote zu schaffen, um Mobilität zu gewährleisten. Wandel oder besser Zukunft der Mobilität bedeutet daher für mich das Zusammenspiel von verschiedenen Verkehrsmitteln, -angeboten und -dienstleistungen, die konsequent an den Herausforderungen der Menschen ausgerichtet sind. 

Auf welcher Basis entscheiden sich Menschen für ihre Mobilität?

Die Forschung zeigt, dass Zeit und Kosten die wesentlichen Kriterien für die Mobilitätsentscheidung sind – aber auch die Bequemlichkeit und Komfort spielen eine Rolle genauso wie die Umweltfreundlichkeit. Letztendlich wählen die Menschen die Mobilität, die für sie in der aktuellen Situation am besten geeignet ist und den größten persönlichen Nutzen bringt.

Beobachten Sie ein verändertes Verkehrsverhalten durch Trends wie fortschreitende Urbanisierung, Digitalisierung und steigendes Umweltbewusstsein?

Definitiv. Die Digitalisierung ist hier der Treiber. Vor allem in urbanen Räumen wird durch neue digitale Angebote die „Abhängigkeit“ vom eigenen Auto geringer. Wir sehen, dass das Umweltbewusstsein ebenfalls wichtiger wird, was für Zulauf zum ÖPNV und Sharing-Diensten sorgt.

Aus demografischer Sicht beobachten wir gleichzeitig zwei gegenläufige Trends: Vor allem die jungen Menschen nutzen das Auto nicht mehr so häufig wie früher, dafür aber andere Verkehrsmittel und Mobilitätsdienstleistungen. Die Älteren dagegen nutzen das Auto aber mehr als vor 10 bis 20 Jahren.

Im Land der Ingenieure wird oft auf technische Innovationen als Lösung für die Verkehrswende verwiesen. Sehen Sie Sharing-Konzepte als technische oder als soziale Innovation?

Beides natürlich! Selbstverständlich brauchen wir die Technik, um neue Konzepte zu etablieren. Dabei ist aber die Akzeptanz mindestens genauso wichtig. Keine Technologie hilft, wenn sie nicht genutzt wird. Für die Akzeptanz und damit auch letztlich für den Erfolg einer Technologie ist es für die Anbieter immens wichtig, die Menschen in den Entwicklungsprozess einzubeziehen. Das bedeutet konkret, sich ihren Wünschen und Bedürfnisse anzunehmen und die Angebote so anzupassen, dass sie nutzungsorientiert sind. Auf der anderen Seite muss sich aber natürlich auch das Verhalten der Bevölkerung adaptieren. Das ist ein Wechselspiel zwischen Angebot und Nachfrage.

Was braucht es für die Veränderungen von Mobilitätsroutinen?

Ausprobieren, Ausprobieren, Ausprobieren. Pilotprojekte mit neuartigen Diensten sind gut. Aber die nutzenstiftenden Effekte von z.B. Pooling-Angeboten auf Verkehr und Umwelt werden erst mit größeren Flotten sichtbar. Gerade daher ist es notwendig, neue Angebote in der Praxis erfahrbar zu machen, damit die Menschen damit umzugehen lernen. Daher ist MOIA in Hamburg auch wichtig, da die Nutzerinnen und Nutzer positive Effekte erfahren können. Das hat Effekte auf die persönlichen Routinen. Es dauert aber etwas Zeit – deshalb müssen wir auch Geduld haben, bevor wir die Wirkungen sehen.