"Uns fehlt es an Vorstellungskraft."

Der niederländische Künstler Daan Roosegaarde spricht mit uns über das
 Zusammenspiel von Technologie und Phantasie.

Wie bewegen Sie sich innerhalb der Stadt von A nach B?

Ich habe mein Auto vor einer Weile verkauft. Es stand immer nur da und wurde dreckig oder stand versehentlich im Parkverbot. Trotzdem benutzen wir immer noch Elektroautos in unserem Studio. Wir genießen die damit verbundene Flexibilität. Außerdem benutze ich häufig Uber und, da ich alle zwei bis drei Tage verreise, steige ich oft in den Zug oder das Flugzeug. Für mich persönlich ist das Fahrrad kein komfortables Fortbewegungsmittel, weil ich die Zeit in der Regel zum Arbeiten nutze.

Das Smog Free Bicycle ist eines Ihrer bekanntesten Mobilitätsprojekte. Es ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Sie Technologie bei der Entwicklung von Lösungen einsetzen. Glauben Sie, dass Technologie die Lösung ist?

Nein. Die Antwort ist Phantasie. Die Technologie ist das Werkzeug, um aus dieser Phantasie eine Realität zu erschaffen und sie greifbar zu machen. Unser Smog Free Bicycle, das wir entwickelt haben, ist ein großartiges Beispiel dafür, wie man ein einfaches Objekt wie ein Fahrrad aufwerten und ihm einen neuen Zweck geben kann. In diesem speziellen Fall die Reinigung der Luft.

Damals, als die ersten Autos entworfen wurden, war saubere Luft noch nicht einmal ein Thema. Heute und in Zukunft erkennen wir, dass dies immer wichtiger wird. Die Branche verändert sich offensichtlich und wir sollten die Technologie nutzen, um diese neuen Werte zu etablieren.

Ein Fahrrad oder ein Turm, der verschmutzte Luft einzieht und den Bürgern saubere Luft ausgibt, ist ein sehr innovatives Design. Die Auswirkungen der Umweltverschmutzung zu reduzieren ist ein Ansatz. Aber wäre es nicht noch nachhaltiger, wenn wir uns mehr auf die Veränderung des Verhaltens konzentrieren würden, das die Umweltverschmutzung verursacht?

Einfachheit ist ein wesentlicher Wert für die Arbeit in unserem Studio. Der Weg zu einem bestimmten Design ist natürlich schwierig. Aber ich glaube, dass eine Kombination aus Phantasie und einem Spielelement wesentlich ist, um Bewusstsein zu schaffen. Die Menschen haben oft Angst vor neuen Ideen und man muss ihnen Zeit geben, Veränderungen zu akzeptieren und sich daran zu gewöhnen.

Wenn man zum Beispiel von frischer und atmungsaktiver Luft spricht, gibt es zwei wichtige Aspekte bei der Lösung dieses Problems. Natürlich gibt es langfristige Lösungen wie Elektroautos oder die Verwendung von Solar Panels. Aber es dauert Jahre, um dieses Bewusstsein in die Köpfe der meisten Menschen zu kriegen und ich als Künstler und Designer hab keinen Einfluss auf diese Entwicklung. Und damit stellt sich die Frage: Was kann ich tun? Und zwar jetzt sofort? Und das ist zum Beispiel das Entwerfen eines Smog Free Tower, der die Luft in Stadtparks reinigt und Luft erzeugt, die bis zu 70% sauberer ist als die Umgebung. Die Kombination von lang- und kurzfristigen Lösungen ist sehr wichtig. Jeder sollte das tun, was er potenziell kann.

Wie kann Technologie aus Ihrer Sicht Veränderungen im menschlichen Verhalten bewirken oder unterstützen?

Es fehlt uns nicht an Technologie, es fehlt uns an Phantasie. Natürlich kann Technologie Verhalten beeinflussen, aber es beginnt mit einer Vorstellung. Wie wollen wir die Welt, in der wir leben, gestalten?

Wenn wir Software entwickeln, um Ergebnisse zu verändern und profitabler zu machen, bringen wir uns in eine Situation, die überhaupt nicht nachhaltig ist. Denn dann suchen wir Menschen uns Abkürzungen und das führt zu einem irreführenden Bild davon, was wir wollen und wozu wir eigentlich fähig sind. Daher müssen wir dieses Bild ändern. Ein Beispiel dafür wäre, Umweltverschmutzung kostenpflichtig zu machen. Denn der Einfluss, den Umweltverschmutzung auf unsere Gesundheit, die Natur und die Lebensqualität hat, wird geleugnet. Wir müssen eine Gesellschaft anstreben, in der der Schaden, der durch nicht nachhaltige Prozesse verursacht wird, berechnet wird. Nur wenn wir aufhören, mit Mutter Erde Poker zu spielen, können wir mit einer nachhaltigeren Gesellschaft und einer Kreislaufwirtschaft beginnen.

Im Bereich Mobilität und Infrastruktur ist die Technologie ein Wegbereiter für die Lösungen der Zukunft. Wo sehen Sie heute technologische Entwicklungen, die eine nachhaltigere Entwicklung der urbanen Mobilität fördern könnten? Was ist Ihrer Meinung nach unser größter Hebel für Veränderungen?

Schauen Sie sich Singapur an: eine Stadt im Garten. Das neue Flughafenterminal dort, Jewel, ist fantastisch. Es ist fast so, als würde man Jurassic Park betreten. Technologie und Natur verschmelzen in diesem Design so erstaunlich reibungslos. Wenn Sie z.B. in der morgendlichen Hauptverkehrszeit Taxi fahren, wird Ihnen automatisch ein Euro mehr berechnet. Dies ist eine gute Möglichkeit, das menschliche Verhalten zu ändern und die Menschen zu ermutigen, andere Entscheidungen zu treffen. Wie gesagt, hier ist dieses Gleichgewicht zwischen menschlichem Verhalten, Technologie und Natur einfach erstaunlich.

Oder ist nur ein einfaches Fahrrad, ausgestattet mit der "richtigen" VAN GOGH PATH-ähnlichen Infrastruktur, die Antwort auf die städtische Mobilität der Zukunft?

Oh ja, definitiv. Man muss den Menschen wirklich die Schönheit einer neuen Welt zeigen und sie diese erleben lassen. Außerdem ist es auch ein Wertewandel und eine Art, sein Leben zu leben: ein Lebensstil. Wenn du vor 10 Jahren einen Hummer gekauft hast, wurdest du bewundert. Wenn du dir jetzt einen Hummer zulegst, halten dich alle für einen Loser. Antworten auf das, was cool ist oder nicht, was schön ist oder nicht und entsprechende Werte ändern sich ständig. Ein Unternehmen kann nur dann erfolgreich sein, wenn es sich dieser Veränderungen bewusst ist und Wege findet, diese neuen Anforderungen zu erfüllen.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt: Die Menschen werden sich nicht durch Fakten oder Zahlen ändern, sondern wenn man ihre Phantasie von einer neuen Welt anregt. In diesem Sinne, welche Phantasien würden Ihrer Meinung nach die Leute dazu bringen, ihr Auto stehen zu lassen?

Zunächst einmal ist es wichtig, ein Transportmittel zu entwerfen, das sowohl privat als auch öffentlich genutzt werden kann. Manchmal brauche ich Privatsphäre, wenn ich unterwegs bin und möchte in meiner eigenen Blase, in meiner eigenen Welt sein. Aber manchmal möchte ich die Fahrten teilen und Menschen treffen. Ich denke, die Verwendung von intelligenten Materialien, wie beispielsweise die richtige Lichtfarbe sollte zu diesen beiden Bedürfnissen passen. Meistens liegt der Fokus auf dem Exterieur des Autos, aber wir sollten die Innenausstattung nicht vergessen. Es sollte zugänglich für jeden sein und sich vielleicht sogar direkt mit dem Smartphone verbinden.

Es geht immer und immer weniger darum, wie ein Transportmittel, zum Beispiel das Auto, aussieht und mehr und mehr darum, was es bietet. Im Moment stehen Autos durchschnittlich 95% der Zeit an einem Ort und dafür ist es nicht gedacht. Eigentlich lässt sich feststellen, dass Autos eine schlechte Idee mit einem tollen Design sind. Aber wir müssen das große Ganze sehen und überdenken, was wir wirklich wollen.

Ist Ridesharing also eine gute Lösung für die Zukunft? Vorausgesetzt, dass sie richtig konzipiert ist, natürlich.

Auf jeden Fall. Ich denke, es geht darum, einen gewissen Komfort zu bieten und den Menschen ihre Zeit zurückzugeben. Zum Beispiel um Smalltalk zu halten, wenn man dazu aufgelegt ist. Beim Fahren mit dem eigenen Auto zum Beispiel kann man den Menschen nicht einmal in die Augen sehen. Ist es nicht seltsam, dass wir die persönliche Kommunikation immer mehr schätzen und dass wir uns gegenseitig verstehen wollen, aber wir entwerfen dann etwas, bei dem wir uns nicht in die Augen sehen können, ohne einen Unfall zu riskieren?

Wir müssen uns mehr auf die menschliche Vernetzung konzentrieren. Dann bin ich wirklich überzeugt, dass es egal ist, ob eine Fahrt von A nach B 40 oder 60 Minuten dauert. Wir denken, dass wir in Eile sind, weil wir das Gefühl haben, dass unsere Zeit nutzlos ist. Aber wenn sich diese Zeit nützlich anfühlt, verlieren wir dieses Gefühl. Das Gefühl, Zeit zu verschwenden, ist genau der Grund, warum ich mein Auto verkauft habe. Also muss es so gestaltet sein, dass es ein Ort zum Arbeiten, Teilen und Entdecken wird. Und dass es dabei fährt, ist der Bonus.