"Ich liebe es, dass
Nutzern ein breites
Spektrum an Mobilitätsoptionen
angeboten wird"

Annie Chang ist Mobilitätsexpertin bei SAE lnternational und hat mit uns über die
Entwicklung der Mobilität gesprochen. 

Wie bewegen Sie sich in der Stadt?

Ich bin ein SuperSharer. Ich benutze Bikesharing, Scootersharing, Ridesourcing und Mikrotransit, um 99 Prozent meiner Strecken zu bewältigen. Ich entscheide mich jeweils für ein bestimmtes Verkehrsmittel, das von den Anforderungen der Fahrt und dem Wetter abhängt. Normalerweise nutze ich den Mikrotransit zur Arbeit und leihe mir ein Fahrrad für die Fahrt nach Hause.

Die Liste der Konzepte, Marken und Unternehmen, die jede Form der geteilten Mobilität anbieten, ist lang. Glauben Sie, dass dies eine gute Entwicklung sowohl für Unternehmen als auch für potenzielle Anwender ist?

Ich liebe es, dass Nutzern ein breites Spektrum an Optionen angeboten wird. Ich denke, die Schwierigkeit für Nutzerinnen und Nutzer liegt vor allem im "App Hopping". Eine echte MaaS-Plattform mit integrierter Zahlungs- und Fahrtenplanung würde diese Problematik erheblich reduzieren.

Für die Branche fördert die Konkurrenzsituation durch ihr beschleunigtes Wachstum Innovationen und die Erschließung attraktiver Mobilitätslösungen jenseits des traditionellen Verkehrssektors. Ich liebe das.

Bei SAE International arbeiten Sie gezielt mit geteilter Mobilität und Mikromobilität in Ihrem Portfolio. Können Sie erklären, wie diese beiden miteinander verbunden sind oder sich gegenseitig ergänzen?

Es gibt klare Überschneidungen zwischen geteilter Mobilität und Mikromobilität. Die Mikromobilität, die wir heute sehen, befindet sich größtenteils in gemeinsamen Flotten. So ist beispielsweise die Weitergabe von Daten für die gemeinsame Nutzung von Mikrofahrzeugen ein kritisches Element, das im Hinblick auf die Standardisierung besondere Aufmerksamkeit erfordert.

Wird die Standardisierung mit mehr verfügbaren Diensten an Bedeutung gewinnen?

Beispielsweise könnte die Standardisierung zur einheitlichen Ladefähigkeit von Mikrofahrzeugen bedeuten, dass E-Scooter und E-Bikes verschiedener Hersteller und Betreiber über dieselbe Ladeinfrastruktur abgerechnet werden können. Dies könnte zu einer effizienten Nutzung des Straßenraums mit weniger verstopften Gehwegen, einer verbesserten Wirtschaftlichkeit der Ladestationen für den Betreiber, einer Verringerung des Vandalismus und des Verschleißes von Mikrofahrzeugen führen.

Wenn das Hauptziel neuer Mobilitätskonzepte darin besteht, Menschen dazu zu bringen, ihr Auto stehen zu lassen und Teil der Bewegung für geteilte Mobilität zu werden, wie erfolgreich sehen Sie dann die bisherige Entwicklung?

Ich glaube, dass die Auswirkungen von Sharing-Konzepten auf den Autobesitz unterschiedlich sind. Ich würde vermuten, dass Carsharing die größten Auswirkungen auf die Verringerung des Autobesitzes hat. Mikromobilität ist eher eine sinnvolle Alternative zu kurzen Autofahrten, insbesondere E-Bikes. Die Mikromobilität kann aber auch dazu beitragen, Menschen an Mikrofahrzeuge zu gewöhnen, was dann den Eigenbesitz fördern kann. Aber es sind definitiv keine "konventionellen Autos".

Glauben Sie, dass geteilte Mobilität oder eine Kombination von verschiedenen Anbietern die gleiche Flexibilität bieten kann wie ein Auto?

Ja, und noch mehr! Dies gilt jedoch nur für diejenigen, die Zugang zu Angeboten haben und nur in ausgewählten urbanen Zentren wohnen. Kurze Strecken unter fünf Meilen innerhalb der Stadtzentren können mit Sharing-Konzepten erreicht werden. In der heutigen Form der geteilten Mobilität müssen die Fahrgäste jedoch Zugang zu einem Smartphone mit Datenpaket haben, der Mobilitätsdienst muss in ihrer Nachbarschaft verfügbar sein, und der Mobilitätsdienst muss in der Lage sein, besondere Anforderungen zu erfüllen, wie z.B. körperliche Behinderungen.

Glauben Sie, dass (Mikro-)Mobilitätskonzepte heute bereits am Ende ihrer Potenziale stehen? Wenn nicht, was sind die nächsten Schritte aus Ihrer Sicht?

Kein Konzept hat sein Potenzial ausgeschöpft. Wir befinden uns in einem sehr frühen Stadium einer beispiellosen Innovationskurve für die Mikromobilität. Ich erwarte eine große Vielfalt sowohl beim Design von Mikrofahrzeugen als auch bei den Zugangsmodellen. Mikrofahrzeuge, die für Sharing-Flotten konzipiert sind, werden immer robuster und langlebiger. Derzeit ist eine der Einschränkungen von Mikrofahrzeugen ihre extreme Empfindlichkeit gegenüber Witterungseinflüssen, d.h. Regen. Dabei könnten karossierte Mikrofahrzeuge helfen. Außerdem nehme ich Mikrofahrzeuge überall hin mit, außer zum Flughafen, da es an Stauraum mangelt. Ein geteiltes Lastenrad oder ein Karosserie-E-Bike könnte den dringend benötigten Stauraum für meinen Koffer bieten.

Wie sieht die bequemste Fahrt von A nach B in einer Stadt aus Ihrer Sicht aus?

Einfaches, bedarfsgerechtes und angemessenes trip-basiertes Modal-Matching. Das bedeutet, dass Sie Ihre Verkehrsmittel entsprechend Ihren tatsächlichen Mobilitätsbedürfnissen auswählen können, anstatt finanziell an ein Verkehrsmittel gebunden zu sein.

Was fehlt noch in den aktuellen Konzepten, das Sie dazu bringen würde, Ihr Auto zu abzuschaffen?

Ich glaube, dass das Thema Flexibilität beim Autobesitz durch Sharing-Konzepte weitestgehend adressiert wurde, insbesondere durch ortsunabhängige Formen. Wenn es jedoch um Fahrten mit bestimmten Anforderungen geht, wie z.B. zu IKEA zu gehen oder ein Haustier zum Tierarzt zu bringen, schrumpft der Pool an tragfähigen geteilten Mobilitätsoptionen plötzlich.