„Wir müssen schnell sein!“

Unser CEO Ole Harms spricht über die Zukunft der Mobilität, wie sich die Unternehmenskultur bei MOIA von der des Mutterkonzerns unterscheidet – und wie er das Projekt in einem Elevator-Pitch darstellen würde.

Wenn Sie sich durch Städte des 21. Jahrhunderts wie London oder Berlin bewegen, was nervt Sie dann am meisten?

Ganz klar: Stau. Ich bin eigentlich ein totaler Großstadttyp. Doch als ich neulich im Flugzeug saß und auf das Lichtermeer von London blickte, habe ich mich schon gefragt, warum das Leben dort eigentlich als so wünschenswert gilt. Nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der Mobilität lebt es sich in einer Metropole doch ziemlich anstrengend – laut, überfüllt, schmutzig, gefährlich. Unsere Marktforschung zeigt, dass die Menschen von diesen Nachteilen des modernen Lebens genug haben.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen?

Einerseits haben viele Städte ein veraltetes öffentliches Nahverkehrsnetz mit entsprechenden Einschränkungen – die Fahrgäste sind auf bestimmte Routen festgelegt und müssen zu bestimmten Zeiten am Bahnhof oder an der Haltestelle sein. Andererseits ist flexible, individuelle Mobilität viel zu teuer. Nicht jeder kann sich ein eigenes Auto, ein Taxi oder einen der neuen Fahrdienste wie Uber oder Gett leisten. Die Mobilitätslösung, die ich mir als Stadtbewohner wünsche, muss möglichst zeitsparend und immer verfügbar sein. Und ich möchte keine Zeit damit vergeuden, herauszufinden, wie ich von A nach B komme. Ich möchte einfach ankommen.

Was ist also zu tun?

MOIA will die Mobilität in den Ballungsräumen der Welt verbessern und neue Verkehrsmittel für jedermann bieten. Wir werden die bestehende Infrastruktur nutzen und sie mit bewährten und neuen Dienstleistungen und Tools kombinieren. Intelligente Algorithmen können die Effizienz verbessern und helfen den wachsenden Mobilitätsbedarf zu bewältigen. Als Automobilhersteller wissen wir, wie man Fahrzeuge baut – unabhängig davon, wie diese in zehn Jahren aussehen werden. Unser Ziel ist es, integrierte, effiziente Lösungen anzubieten, die die öffentlichen Transportsysteme ergänzen. Das ist unser Elevator-Pitch, wenn Sie so wollen.

Wie unterscheidet sich MOIA von bestehenden neuen Mobilitätsanbietern?

Der wichtigste Unterschied ist, dass wir uns für Menschen interessieren. Wir beherrschen die verfügbaren Technologien, nehmen aber bei allem, was wir tun, stets die Nutzerperspektive ein: wie man sich eben durch die Stadt bewegt. Wir wissen, dass das Leben manchmal anstrengend und schwierig sein kann. Deshalb möchten wir ein Mobilitätsangebot schaffen, das funktioniert, ohne dass man groß nachdenken muss. Und wir möchten dabei eng mit den vorhandenen öffentlichen Verkehrsbetreibern zusammenarbeiten. Das ist unser ganz eigener Ansatz.

„Mit den richtigen Leuten im Unternehmen kommt man immer auf die richtige Idee. Anpassungsfähigkeit ist wichtiger als Technologie.“

Welche Faktoren entscheiden darüber, welcher Anbieter sich durchsetzen wird?

Meiner Ansicht nach befindet sich der Markt noch in einem Anfangsstadium. Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, zuzuhören und die passenden Partner zu finden. Das Wichtigste ist es, kluge Köpfe für unser Vorhaben zu begeistern, die mit uns die Welt verändern wollen. Wir arbeiten an vielen Ideen und nicht jede Lösung wird sich so entwickeln, wie wir das heute erwarten. Aber mit den richtigen Mitarbeitern kommt man immer auf die richtige Idee. Anpassungsfähigkeit ist wichtiger als Technologie.

„Wir sind kein bloßes Labor, kein bloßer Versuchsballon. Bis zum Jahr 2025 möchten wir eines der drei führenden Unternehmen am Markt werden.“

Was haben Sie mit MOIA genau vor?

Wir sind kein bloßes Labor, kein bloßer Versuchsballon. Bis zum Jahr 2025 möchten wir eines der drei führenden Unternehmen am Markt werden. Der Mobilitätsbedarf wird sich in den kommenden 30 Jahren verdreifachen – und in den Schwellenländern sogar vervierfachen. Um diese Nachfrage zu befriedigen, benötigen wir eine Reihe von On-Demand-Mobilitäts­dienstleistungen. Der erste große Schritt ist unser Investment bei Gett. Außerdem wollen wir selbst Angebote entwickeln und gestalten – Pooling-Lösungen sind zum Beispiel sehr interessant. Schon nächstes Jahr werden wir in zwei europäischen Städten starten.

Welchen Vorteil hat es, mit MOIA ein neues, unabhängiges Unternehmen zu gründen?

Der Mobilitätsmarkt unterscheidet sich von der traditionellen Automobilherstellung. Wenn man erfolgreich sein möchte, muss man sich an die Spielregeln der Branche halten. So müssen wir beispielsweise schnell sein. Während es bei Automobilherstellern manchmal mehrere Jahre dauert, ein neues Modell zu entwickeln und auf den Markt zu bringen, haben wir einen völlig anderen Zeithorizont – nur wenige Wochen. Außerdem haben wir es mit einem anderen Umfeld, mit anderen Prozessen und Menschen zu tun. Unsere Zentrale wird hier in Berlin sein – in einer Stadt, in der die von uns benötigten Toptalente gern leben und arbeiten. Und wir bieten andere Zusatzleistungen als traditionelle Unternehmen.

Zum Beispiel?

Wenn Sie eine bestimmte Unternehmensebene erreicht haben, steht Ihnen üblicherweise ein Dienstwagen zur Verfügung. Unsere Führungskräfte werden stattdessen ein Mobilitäts­budget erhalten, das sie nach Belieben einsetzen können. Unserer Meinung nach sollte jeder Mitarbeiter die existierenden Mobilitätsdienste – und dazu gehören auch unsere Konkurrenten – kennen und wissen, wo wir noch etwas weiter verbessern können.

In Ihrem Büro hängt ein Poster mit der Aufschrift „Either you’re daring enough to disrupt yourself or someone else will“.

Wir haben uns von Beginn an als eine Art interner Disrupter bei der Volkswagen AG verstanden. Als neuer Akteur, der für Veränderung und Wandel sorgt – Disruption, wie es in der Tech-Branche heißt. Denn: Der Wandel wird kommen! Also ist es besser, das Unternehmen von innen heraus anzupassen, als zu warten, bis jemand von außen kommt und sich den Marktanteil der Firma schnappt. MOIA ist Teil eines großartigen Konzerns und kann nur mit Unterstützung unseres Mutterkonzerns und der Schwesterunternehmen erfolgreich sein. Letztendlich werden alle Seiten davon profitieren und sicherstellen, dass wir in den kommenden Jahren eine signifikante Präsenz in der Branche aufweisen.

Was für Mitarbeiter benötigt MOIA, um erfolgreich zu sein?

Wir haben MOIA mit einem sehr kleinen Team innerhalb des Geschäftsbereichs New Business Models & Mobility Services entwickelt. Dieses schlanke Team ist ein wichtiger Erfolgsfaktor gewesen und hat dazu beigetragen, die Komplexität zu minimieren. Aber es zählt nicht nur die Anzahl der Mitarbeiter, sondern auch ihre Qualität. Wenn Sie zehn kluge Köpfe haben, gibt es keine Grenzen. Natürlich brauchen wir auch die besten Ingenieure, die besten Entwickler und die besten Techniker. Leute mit maximalem Weitblick. Wir brauchen Mitarbeiter, die mit Leidenschaft bei der Sache sind, die zuhören können und verstehen, was die Menschen da draußen brauchen – und die diese Erkenntnisse Tag für Tag in die Tat umsetzen.

„Der technologische Wandel wird vor allem von den Problemen vorangetrieben, vor denen wir stehen – Klimawandel und Stau –, die wir mit den existierenden Systemen nicht bewältigen können.“

Im Grunde leben wir noch immer in einer Stadt des 20. Jahrhunderts. Wir haben Autobahnen, U-Bahnen und manchmal Straßenbahnen und Fahrräder. Wird sich dies bald ändern? Und was werden die Triebfedern dieses Wandels sein?

Die Revolution, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, wird sich in naher Zukunft weiter beschleunigen. Technologien wie die Elektromobilität, autonome Fahrzeuge und intelligente Datenanalyse werden Services ermöglichen, die noch vor Kurzem undenkbar waren. Meiner Ansicht nach wird dieser Wandel vor allem von den großen Problemen vorangetrieben, vor denen wir stehen – von der Umweltverschmutzung und von Verkehrsstaus. Das sind Herausforderungen, die wir mit den existierenden Strukturen und Systemen nicht bewältigen können. Wir müssen also jetzt handeln. Und das werden wir tun!

Die Art und Weise, wie wir von A nach B kommen, hat schon immer die Architektur der Stadtlandschaften geprägt. In gewisser Hinsicht ist dies eine sehr politische Frage: Wer hat Zugang zu welchem Bereich?

Unser vorrangiges Ziel ist es, die bestehende Infrastruktur zu nutzen und ihre Effizienz zu verbessern. In Europa dauert es Jahre, einen Kilometer U-Bahn-Strecke zu bauen, und es kostet Hunderte Millionen. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit diesen Summen viel mehr erreichen und die Stadt neu vernetzen können. Wenn wir damit Erfolg haben, gewinnen wir wieder Lebensraum zurück. Letztendlich sind all unsere Bemühungen auf dieses Ziel ausgerichtet – wir wollen, dass Städte auf neue und angenehmere Weise genutzt werden.

Wie stellen Sie sicher, dass finanziell schwache Menschen, die keine Kreditkarten oder Smartphones haben, davon ebenfalls profitieren?

Ehrlich gesagt wird es schwierig sein, auf einige unserer Services ohne Smartphone zuzugreifen. Doch da MOIA integraler Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs und somit jedem zugänglich sein möchte, werden wir alternative Identifizierungsverfahren einführen. In Schwellenländern sind beispielsweise Textnachrichten eine verbreitete Möglichkeit, für Waren und Dienstleistungen zu bezahlen. Prepaidkarten mit NFC-Funktion sind eine weitere interessante Option.

Welche Technologie hat das größte Potenzial?

Ich bin davon überzeugt, dass der Personenverkehr noch etliche Jahre lang auf Autos basieren wird. Doch unsere Vorstellung davon, wie ein Auto aussehen, wie es sich verhalten und was es können muss, wird sich sicher verändern. Bei MOIA werden wir alle neuen Entwicklungen ganz genau prüfen. Und wenn eines Tages ein fliegendes Auto als unschlagbare Lösung auftaucht, ist das für mich in Ordnung – solange MOIA dabei eine Rolle spielt! Doch wir sollten beim Thema Technologie auf dem Teppich bleiben. Nur weil etwas machbar ist, bedeutet das noch lange nicht, dass wir es umsetzen sollten, ohne dabei die emotionalen Bedürfnisse und die Kompetenzen der Menschen zu berücksichtigen.

Wie werden sich Menschen im Jahr 2025 durch eine Stadt wie Berlin bewegen?

Bis 2025 wird ein Großteil des Personenverkehrs über batteriebetriebene Fahrzeuge durchgeführt werden – da bin ich mir sicher. Ich gehe davon aus, dass wir bis dahin sehr intelligente Sharing-Konzepte haben werden und ein paar große Flotten autonomer Fahrzeuge in Städten auf der ganzen Welt. Die Mobilität der Menschen wird sich verändern. Und hoffentlich verbessern. Aber wir werden vermutlich keine fliegenden Autos haben.

Ole Harms

Der 41-jährige ist CEO von MOIA und Mitglied des Vorstands von Gett. Nach seiner Arbeit als Strategieberater bei Capgemini wechselte er 2008 zur Volkswagen Consulting, wo er als leitender Berater und Sparringspartner für das Topmanagement von Volkswagen tätig war. Im Jahr 2012 übernahm er die Leitung des Bereichs New Business Models and Performance und berichtete direkt an den Vorstand für Sales & Marketing. Bis Ende 2016 war er zwei Jahre lang Executive Director und Leiter des Bereichs New Business Models & Mobility Services. In dieser Funktion war er verantwortlich für die Entwicklung globaler Kooperationen mit Mobilitätsanbietern wie Gett und Städten wie Hamburg. Ole Harms lebt in Hannover und Berlin.

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